Ing. Lucie Humeni
Als ich vor etwa acht Jahren in diesem Fachgebiet begann, war ein häufiges Problem ein Ungleichgewicht im Ca:P-Verhältnis, verursacht durch eine zu hohe Phosphoraufnahme (P), insbesondere bei Pferden, die mit großen Mengen an Getreide und Kleie gefüttert wurden. Im Laufe der Zeit haben sich jedoch die Fütterungstrends verändert. Mit dem Aufkommen getreidefreier Futtermittel sowie der zunehmenden Beliebtheit von Luzerne, Zuckerrübenschnitzeln und anderen calciumreichen (Ca) Futtermitteln begegne ich heute immer häufiger dem gegenteiligen Extrem – nämlich einem hohen Calciumüberschuss, der das Ca:P-Verhältnis deutlich über die empfohlenen Werte hinaus verschieben kann. Diese Verschiebung ist so ausgeprägt, dass es sinnvoll ist, sich erneut vor Augen zu führen, warum das richtige Gleichgewicht dieser beiden Mineralstoffe so wichtig ist und wie es in modernen Rationen aufrechterhalten werden kann.
Bedeutung von Calcium und Phosphor
Calcium ist der grundlegende Baustoff der Knochensubstanz. Mehr als 99 % des Calciums im Körper sind in Knochen und Zähnen gespeichert, seine Funktion reicht jedoch weit darüber hinaus. Es reguliert die Muskelkontraktion, beeinflusst die Herzfunktion, ist an Blutungs- und Gerinnungsprozessen beteiligt und ist notwendig für die korrekte Weiterleitung von Nervenimpulsen. Der Calciumspiegel im Blut wird durch hormonelle Mechanismen sehr genau reguliert, und wenn die Calciumaufnahme über die Ration sinkt, beginnt der Körper, auf die Reserven in den Knochen zurückzugreifen.
Phosphor ist eng mit dem Energiestoffwechsel verbunden. Ohne ihn wäre die Bildung von ATP (Adenosintriphosphat) nicht möglich – jenem Molekül, das der Zelle genau dort Energie liefert, wo sie benötigt wird. Phosphor ist Bestandteil der Nukleinsäuren, also der genetischen Information, und macht einen wesentlichen Teil der Zellmembranen aus. Ebenso ist er für die ordnungsgemäße Mineralisierung der Knochen unerlässlich. Ist jedoch zu viel Phosphor vorhanden, kann er zu einem limitierenden Faktor für die Nutzung von Calcium werden, da sich beide Mineralstoffe im Organismus gegenseitig beeinflussen.
Das richtige Verhältnis
Das optimale Verhältnis von Calcium zu Phosphor sollte zwischen 1,5:1 und 2:1 liegen. Bei jungen, wachsenden Pferden sollte es höher sein, etwa 2:1 bis 3:1, um die korrekte Entwicklung des Skeletts zu unterstützen und eine ausreichende Knochenmineralisierung sicherzustellen.
Warum ist das richtige Ca:P-Verhältnis in der Ration wichtig?
Ein Pferd kann kurzfristige Schwankungen in der Calcium- oder Phosphoraufnahme bis zu einem gewissen Grad kompensieren, doch ein langfristiges Ungleichgewicht führt zu Störungen der Knochenmineralisierung. Ist das Verhältnis zu niedrig (also ein Phosphorüberschuss vorhanden), beginnt der Körper, Calcium aus dem Knochengewebe zu mobilisieren. Dieser Prozess führt zu einer Ausdünnung der Knochenstruktur, zu Deformationen und bei jungen Pferden zu einer verzögerten oder gestörten Skelettentwicklung.
Und wie werden Ca und P eigentlich beurteilt? Als orientierender Anhaltspunkt können die Calcium- und Phosphorwerte im Blut (also auf Basis einer Blutuntersuchung) dienen, jedoch ist zu betonen, dass sie die langfristige Aufnahme dieser Mineralstoffe über die Ration nicht zuverlässig widerspiegeln. Der Organismus des Pferdes hält die Ca- und P-Spiegel im Blut durch die bereits erwähnte hormonelle Regulation sehr konstant. Erst schwere oder langanhaltende Ungleichgewichte können sich in veränderten Blutwerten zeigen. Daraus folgt, dass normale Blutwerte eine fehlerhafte Ca:P-Zusammensetzung der Ration nicht ausschließen. Ein Pferd kann normale Ca- und P-Werte im Blut aufweisen, während dennoch eine Entkalkung der Knochen oder eine unzureichende Mineralisierung stattfindet. Beim Phosphor kann eine Blutuntersuchung helfen, Stoffwechselstörungen oder Probleme bei der Resorption aufzudecken. Deshalb ist eine gut zusammengestellte Ration entscheidend, da vor allem sie ein optimales Ca:P-Verhältnis gewährleistet. Ideal wäre es, wenn die Rationsberechnung Analysen aller Futtermittel einschließen würde; bei Raufuttern ist dies bei Pferden jedoch oft sehr schwierig (unterschiedliche Raufutterquellen, Lieferanten usw.) und nicht so einfach umzusetzen wie beispielsweise in der Rinderhaltung, wo Raufutteranalysen zur korrekten Rationsgestaltung üblich sind.
Calcium- und Phosphorquellen im Futter
Das Ca:P-Verhältnis muss in der gesamten Ration stimmen – also einschließlich Heu, Weidegras, Kraftfutter und Ergänzungsfuttermitteln. Viele Besitzer konzentrieren sich bei ihren Berechnungen ausschließlich auf Kraftfutter oder Mineralfuttermittel, doch der größte Anteil an Mineralstoffen stammt in der Regel aus den Raufuttern.
Calciumreiche Futtermittel:
Phosphorreiche Futtermittel:
Mineralstoffergänzungen
Es ist nicht ratsam, sich ausschließlich auf Mineralfutter oder Premixe zur Korrektur des Ca:P-Verhältnisses zu verlassen, auch wenn sie selbstverständlich beim Ausgleich helfen können. Enthält die Ration übermäßige Mengen an Luzerne, Zuckerrübenschnitzeln oder anderen calciumreichen Futtermitteln, kann ein phosphorhaltiges Mineralfutter die Situation nicht immer effektiv lösen – und das sollte nicht außer Acht gelassen werden.
Zum Schluss
Das richtige Verhältnis von Calcium und Phosphor sind nicht nur zwei Zahlen in einer Tabelle. Es reicht nicht aus, einfach ein Mineralfutter hinzuzufügen – entscheidend ist es, die gesamte Ration ganzheitlich zu betrachten und zu verstehen, wie die einzelnen Futtermittel zusammenwirken. Die regelmäßige Kontrolle des Ca:P-Verhältnisses ist daher keine bloße „Formalität“, sondern eine Präventionsmaßnahme gegen langfristige Probleme.
Quellen:
Maier, I., & Kienzle, E. (2024). A Meta-Analysis on Quantitative Calcium, Phosphorus and Magnesium Metabolism in Horses and Ponies. Animals, 14(19), 2765. https://doi.org/10.3390/ani14192765 Etemadi, F., Tabatabaei Naeini, A., & Aminlari, M. (2023). Assessment of calcium, phosphorus, magnesium, vitamin D and PTH levels in sera of lame horses. Veterinary Medicine and Science, 9(5), 2070–2077. https://doi.org/10.1002/vms3.1198 NRC (National Research Council). (2007). Nutrient Requirements of Horses (6. überarb. Aufl.). National Academies Press. van Doorn, D. A., et al. (2004). The influence of high calcium intake on mineral absorption in horses. Livestock Production Science, 89(2–3), 267–272. Poggi, H., et al. (2022). Interactions of dietary minerals in equine nutrition: A review. Animals, 12(8), 1062. van Weyenberg, S., et al. (2006). Phosphorus bioavailability in horses: A review. Livestock Science, 100(1), 1–9.