Ing. Lucie Humeni
Im Zusammenhang mit modernem Pferdemanagement begegne ich in der Praxis häufig der Frage, ob es geeignet ist, Heu über Netze zu füttern oder ob es besser ist, es frei auf dem Boden zu lassen. Die Antwort ist nicht universell – sie hängt von mehreren Aspekten ab, darunter der Gesundheitszustand des Pferdes, das gesamte Stall- und Weidemanagement usw. Ich schreibe diesen Artikel mit dem Ziel, wissenschaftliche Erkenntnisse sowie praktische Erfahrungen zusammenzufassen, um Ihnen möglicherweise bei der Entscheidung zu helfen, wie Heu angeboten werden sollte.
Das Pferd ist evolutionär darauf angepasst, den Großteil des Tages mit der Nahrungssuche auf der Weide zu verbringen, wo es schrittweise und relativ langsam kleine Mengen Raufutter aufnimmt. Wenn man Pferden erlaubt, „natürlich“ zu leben und Heu oder Gras zu kauen, verbringen sie damit bis zu 14 Stunden täglich. Diese lange und langsame Nahrungsaufnahme ist entscheidend für die Gesundheit des Verdauungstrakts und wirkt zugleich stereotypem Verhalten entgegen.
Das Anbieten von Heu auf dem Boden ahmt die natürliche Futteraufnahme besser nach, da das Pferd beim Fressen den Kopf nach unten hält. Dieser Winkel erleichtert das Kauen, fördert die Speichelproduktion, gewährleistet einen besseren Transport der Nahrung durch die Speiseröhre, reduziert die Spannung der Halsmuskulatur und unterstützt die korrekte Position der Atemwege.
Die Hauptmotivation für die Verwendung von Heunetzen ist meist die Reduzierung von Futterverlusten und eine höhere Wirtschaftlichkeit. Netze verringern deutlich die Menge an Heu, die Pferde verstreuen und nicht aufnehmen. In der Praxis lässt sich der Futterverlust um mehr als die Hälfte reduzieren, was erhebliche Kosteneinsparungen bedeuten kann.
Wissenschaftliche Studien bestätigen zudem, dass kleinere Maschenweiten die Geschwindigkeit der Futteraufnahme verlangsamen und dadurch die Zeit verlängern, die das Pferd mit Kauen verbringt. Es ist nachgewiesen, dass Heunetze mit kleinen Maschen die Dauer der Heuaufnahme verlängern. Dies kann bei Pferden mit Neigung zu Übergewicht oder Verdauungsproblemen von Vorteil sein, da eine langsame und gleichmäßige Futteraufnahme das Risiko von Stoffwechselstörungen und Magengeschwüren verringern kann.
Der Verzehr von Heu aus Netzen verändert bei vielen Pferden die natürliche Kopf- und Halshaltung, da das Pferd häufig den Kopf strecken oder nach vorne ausdehnen muss, um jedes Heustück zu erreichen. Dieser unnatürliche Winkel belastet die Hals- und Schultermuskulatur und beeinflusst die Biomechanik des Kauens, was die Effizienz der Futterzerkleinerung und die Speichelproduktion verringern kann. Die Speicheldrüsen geben Enzyme und alkalische Bestandteile ab, die Magensäuren neutralisieren. Eine unzureichende Speichelproduktion erhöht das Risiko von Magenproblemen und Verdauungsstörungen.
Gleichzeitig beeinflusst diese Haltung auch das Atmungssystem. Der Winkel von Kopf und Hals verändert die Position von Kehlkopf und Luftröhre, was den Luftstrom einschränken, den Atemwiderstand erhöhen und die Belüftung der Lunge verschlechtern kann. Bei Pferden mit bereits bestehenden Atemwegserkrankungen kann dies den Atemkomfort und die Sicherheit während der Fütterung weiter beeinträchtigen. Außerdem besteht beim Herausziehen von Heu aus Netzen ein höheres Risiko, dass kleine Partikel in die Atemwege gelangen, was bei empfindlichen Pferden zu Futteraspiration und Husten führen kann.
Daher ist frei liegendes Heu bei Pferden mit muskuloskelettalen Problemen (Rückenschmerzen, Steifheit usw.), Zahnproblemen, eingeschränkter Kauleistung oder Atemwegserkrankungen oft eine deutlich sicherere und physiologischere Wahl. Es ermöglicht eine natürliche Kopfhaltung, eine optimale Speichelproduktion, eine korrekte Funktion des Kehlkopfes sowie einen sicheren Luftstrom und unterstützt damit sowohl die gesunde Verdauung als auch den Atemkomfort.
Wenn Sie sich für die Verwendung eines Heunetzes entscheiden, ist es wichtig, die richtige Maschenweite zu wählen.
Idealerweise sollte das Netz so aufgehängt werden, dass das Pferd Heu mit einer natürlichen Kopfhaltung aufnehmen kann. Dadurch wird die Belastung von Hals und Rücken reduziert und gleichzeitig die korrekte Funktion von Kehlkopf und Atmungssystem unterstützt. Das Material sollte strapazierfähig sein und über ein Sicherheitssystem verfügen, das sich bei plötzlichem Hängenbleiben des Pferdes löst. Ein richtig ausgewähltes und angebrachtes Netz ermöglicht es, die Futteraufnahme zu verlangsamen, Verluste zu reduzieren und gleichzeitig Risiken für das Pferd zu minimieren.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Heunetze meiner Meinung nach weder ein „Wundermittel“ noch eine grundsätzlich schädliche Fütterungsmethode sind. Ihre Eignung hängt von den individuellen Bedürfnissen des jeweiligen Pferdes ab. Aus physiologischer und verhaltensbiologischer Sicht kommt frei auf dem Boden liegendes Heu der natürlichen Fütterung am nächsten. Ein richtig ausgewähltes und sicher angebrachtes Heunetz kann jedoch ein nützliches Hilfsmittel und eine geeignete Option sein, insbesondere wenn eine kontrolliertere Heuaufnahme erforderlich ist.