ENERGYS

WEIDEGANG BEI PFERDEN UND DIE RISIKEN DER HUFREHE

Ing. Lucie Humeni

Die Weide stellt eine natürliche Art der Futteraufnahme dar. Bei einem Teil der Pferdepopulation – insbesondere bei Tieren mit Insulindysregulation, Adipositas oder einer Vorgeschichte von Hufrehe – kann eine hohe Aufnahme von nichtstrukturellen Kohlenhydraten aus frischem Grünfutter pathologische Prozesse in der Huflederhaut auslösen. Das Risiko liegt dabei nicht im Zugang zur Grasnarbe selbst, sondern in einer plötzlichen Veränderung der Aufnahme nichtstruktureller Kohlenhydrate ohne ausreichende Anpassungsphase. Im Folgenden fasse ich zusammen, was im Organismus tatsächlich geschieht und wie man vorgehen sollte, damit Weidegang ein Vorteil und kein Risiko darstellt.

Was ist Hufrehe?

Hufrehe ist eine entzündliche und metabolische Erkrankung der Huflederhaut, also des lamellären Apparats. Im Inneren des Hufs befinden sich Lamellen (feine Strukturen), die die Hufwand fest mit dem Hufbein verbinden und dessen stabile Lage innerhalb der Hornkapsel gewährleisten. Wenn diese Strukturen beschädigt werden, wird diese Verbindung gestört und der Aufhängeapparat des Hufbeins geschwächt. In schwereren Fällen kann es dadurch zu einer Verschiebung oder Rotation des Hufbeins gegenüber der Hufwand kommen, was die Mechanik des Hufs und die Bewegung des Pferdes erheblich beeinflusst.

Fruktooligosaccharide und nichtstrukturelle Kohlenhydrate

Gräser speichern Energie in Form von Fruktanen. Fruktane sind Ketten von Zuckern (fachlich Fruktooligosaccharide), die Pferde im Dünndarm nicht aufspalten können, da ihnen die notwendigen Enzyme fehlen. Das bedeutet, dass diese Kohlenhydrate nicht auf übliche Weise in den Blutkreislauf aufgenommen werden, sondern weiter in den Dickdarm gelangen.

Dort werden sie von Mikroorganismen rasch fermentiert (vergoren). Ist die Menge an Fruktanen zu hoch, beschleunigt sich die Fermentation so stark, dass der pH-Wert sinkt, ein Teil der Bakterien abstirbt und dabei Stoffe (Endotoxine) freisetzt. Diese können durch die Darmwand in den Blutkreislauf gelangen und entzündliche Reaktionen auslösen.

Der Fruktangehalt ist jedoch nicht bei allen Pflanzen gleich. Gräser – insbesondere schnell wachsende Arten wie das Deutsche Weidelgras – können hohe Mengen an Fruktanen anreichern, während Leguminosen in der Regel weniger Fruktane, dafür aber mehr Protein enthalten. Daraus ergibt sich, dass die botanische Zusammensetzung der Weide das Risiko einer Hufrehe erheblich beeinflusst. Pferde auf Weiden mit überwiegend Grasarten sind höheren Konzentrationen schnell fermentierbarer Kohlenhydrate ausgesetzt als Pferde auf artenreicheren Beständen mit Leguminosenanteil.

Warum sind morgendlicher Weidegang und gefrorenes Gras am riskantesten?

Der Fruktangehalt in Gräsern schwankt im Tagesverlauf und wird stark von der Temperatur beeinflusst. An sonnigen Tagen produziert die Pflanze durch Photosynthese Zucker. Wenn die Nacht kalt ist (unter etwa 5 °C), kann die Pflanze diese Zucker nicht für das Wachstum nutzen und speichert sie im Gewebe.

Am Morgen enthalten die Blätter daher eine hohe Konzentration schnell fermentierbarer Kohlenhydrate, sodass das Pferd unmittelbar nach dem Weidegang eine „volle Zuckerdosis“ aufnimmt. Gefrorenes Gras verschärft diese Situation zusätzlich. Niedrige Temperaturen verlangsamen oder stoppen das Pflanzenwachstum, doch die am Vortag gebildeten Zucker bleiben in den Blättern erhalten. Dadurch kann bereits eine kleine Menge gefrorenen Grases übermäßig hohe Fruktanmengen enthalten.

Jahreszeit und Gefahrenniveau

Der Gehalt an nichtstrukturellen Kohlenhydraten wird von der Vegetationsphase, der Lichtintensität und der Temperatur beeinflusst. Die riskantesten Perioden sind Frühling (schnelles Wachstum und schwankende Temperaturen) und Herbst (kühle Nächte und sonnige Tage).

Relativ sicherer ist ein stabil warmer Sommer ohne starke Temperaturschwankungen, wenn das Gras bereits höher und reifer ist, mehr Faser enthält und einen geringeren Anteil löslicher Zucker aufweist. Junge, intensiv wachsende Bestände enthalten in der Regel höhere Konzentrationen nichtstruktureller Kohlenhydrate als ältere, verholzte Gräser.

Wie sollte man Pferde an die Weide gewöhnen?

Die Anpassung muss immer schrittweise erfolgen. Die Mikroflora des Dickdarms benötigt Zeit, um sich anzupassen.

Empfohlenes Vorgehen bei gesunden Pferden:

  • Beginn mit 15–30 Minuten Weidegang pro Tag
  • alle 2–3 Tage um 15–30 Minuten verlängern
  • innerhalb von 2–3 Wochen die gewünschte Weidedauer erreichen

Bei Risikopferden ist es sinnvoll:

  • Weidemaulkörbe zu verwenden
  • den Zugang zur morgendlichen Weide zu begrenzen
  • Weidegang am späten Nachmittag bei stabilen Temperaturen zu bevorzugen
  • den Körperzustand regelmäßig zu kontrollieren

Ein plötzliches ganztägiges Herausstellen nach dem Winter stellt einen bedeutenden prädisponierenden Faktor für die Entstehung von Hufrehe dar.

Wasser und Minerallecksteine

Beim Weidegang darf Wasser nicht vergessen werden. Eine ausreichende Wasseraufnahme unterstützt stabile Fermentationsprozesse und hilft, eine Hämokonzentration (Verdickung des Blutes) zu verhindern. In der Huflederhaut findet eine sehr feine Mikrozirkulation statt. Wenn das Blut zähflüssiger ist, fließt es schlechter durch kleine Gefäße, die Sauerstoffversorgung des Gewebes verschlechtert sich und das Gewebe wird anfälliger für Schäden.

Ein wichtiger Bestandteil des Weidemanagements sind auch Minerallecksteine. Die Mineralstoffzusammensetzung von Weidegras ist nicht ausgewogen und deckt häufig den Bedarf an Natrium sowie an bestimmten Spurenelementen nicht vollständig. Minerallecksteine ermöglichen es dem Pferd daher, insbesondere Natrium kontinuierlich aufzunehmen, das für die Regulation des Wasserhaushalts, die Nervenfunktion und die Aufrechterhaltung des inneren Gleichgewichts des Organismus unerlässlich ist.

Die Bedeutung von Heu während der Weidezeit

In der Praxis begegne ich häufig der Meinung von Stallbesitzern, dass ein Pferd kein Heu benötigt, wenn es Zugang zur Weide hat. Selbst in Zeiten mit reichlichem Grasbestand halte ich es jedoch nicht für sinnvoll, ein Pferd ausschließlich auf frisches Grünfutter angewiesen zu lassen.

Frisches Gras enthält einen hohen Wasseranteil und viele schnell fermentierbare Kohlenhydrate, jedoch weniger strukturelle Faser als Heu. Der Verdauungstrakt des Pferdes ist jedoch auf die kontinuierliche Aufnahme von Faserstoffen mit höherem Zellwandanteil angepasst, die das Fermentationsmilieu im Blinddarm stabilisieren.

Heu während des Weidegangs verlangsamt die Futteraufnahme, begrenzt die plötzliche Aufnahme größerer Zuckermengen und unterstützt einen gleichmäßigeren Verlauf der Fermentation. Gleichzeitig verlängert es die Fressdauer und trägt zu einer erhöhten Speichelproduktion bei. Daher ist selbst bei ausreichendem Grasangebot die Kombination aus Weidegang und hochwertigem Heu metabolisch sinnvoller als ausschließlich frisches Grünfutter – insbesondere bei Pferden mit Neigung zu Hufrehe oder Insulindysregulation.

Fazit

Weidebedingte Hufrehe ist kein zufälliges Ereignis, sondern die Folge einer metabolischen Belastung, auf die der Organismus mancher Pferde nicht angemessen reagieren kann. Der Fruktangehalt schwankt im Tagesverlauf und im Jahresverlauf, wobei kalte Morgenstunden das höchste Risiko darstellen. Eine schrittweise Anpassung, Kontrolle der Körperkondition, die Kombination von Weidegang mit Heu sowie ein dauerhafter Zugang zu Wasser und Mineralstoffen verringern die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung einer Hufrehe erheblich.