ENERGYS

PFERDEKONDITION: IST IHR PFERD WIRKLICH DÜNN?

Ing. Lucie Humeni

Beurteilung der Kondition des Pferdes in der Praxis

Die Beurteilung der Kondition des Pferdes gehört zu den grundlegenden Fähigkeiten aller, die im Bereich der Pferdefütterung tätig sind. Dennoch entstehen gerade hier in der Praxis häufig die größten Fehler. Die Laienperspektive ist oft verzerrt. Die fachliche Beurteilung basiert hingegen auf mehreren Aspekten: dem Body Condition Score (BCS), dem Musculus Condition Score (MCS) sowie der Konstitution des Individuums.

Aus der verfügbaren wissenschaftlichen Literatur und auch aus meiner Praxiserfahrung geht hervor, dass eine Überschätzung der Kondition heute deutlich häufiger ist als eine Unterschätzung. Studien zeigen wiederholt, dass Pferdehalter ihre Tiere tendenziell als zu dünn einschätzen, was zu chronischer Überfütterung und damit verbundenen gesundheitlichen Problemen führt.

Body Condition Score (BCS)

Der Body Condition Score ist ein System zur Beurteilung der Fettreserven des Pferdes. Am häufigsten wird die 9-stufige Henneke-Skala verwendet, wobei:

  • 1 = extreme Auszehrung
  • 9 = schwere Fettleibigkeit

Beurteilt werden folgende anatomische Regionen:

  • Hals (Fetteinlagerung im Bereich des Mähnenkamms)
  • Widerrist
  • Bereich hinter der Schulter
  • Rippen
  • Lendenbereich
  • Schweifansatz

Fettgewebe lagert sich typischerweise in diesen Bereichen ein. Die Bewertung basiert jedoch nicht nur auf dem visuellen Eindruck, sondern auch auf der Palpation. Fettgewebe hat eine andere Konsistenz als Muskulatur, und diese Unterschiede müssen sicher erkannt werden.

Die Sichtbarkeit der Rippen ist ein wichtiger Indikator, jedoch nicht allein ausreichend. Ein Pferd kann leicht sichtbare Rippen haben und dennoch in optimaler Kondition sein. Sichtbare Rippen bedeuten daher nicht automatisch Unterernährung. Bei Sportpferden kann dies ein physiologischer Zustand entsprechend dem Energieverbrauch sein.

Musculus Condition Score (MCS)

Während der BCS die Fettreserven beschreibt, bewertet der Musculus Condition Score die Muskulatur. Dabei werden Regionen beurteilt, in denen die Muskelmasse gut sichtbar ist:

  • Rückenlinie
  • Schulter
  • Kruppe
  • Hals

Die Kombination aus BCS und MCS liefert ein deutlich genaueres Bild des körperlichen Zustands als jeder Wert für sich allein. Ein Pferd kann „rund“ erscheinen, aber dennoch unzureichend bemuskelt sein – ein typisches Bild bei Freizeitpferden ohne ausreichende Arbeit.

Hier ist ein entscheidender Punkt zu betonen: Muskelmasse ist nicht primär eine Frage der Fütterung, sondern der körperlichen Belastung. Ohne systematische Arbeit ist Muskelaufbau unabhängig von der Futterqualität nicht zu erwarten.

Konstitution und genetische Grundlage

Jedes Pferd besitzt einen genetisch festgelegten Typ – leicht, mittel oder schwer (hier ist nicht die Konstitution im engeren Sinne gemeint, die fein, grob, kräftig oder schwach sein kann).

Die Konstitution beeinflusst Körperbau, Stoffwechsel und die Neigung zur Fetteinlagerung. Ein Englisches Vollblut wird immer anders aussehen als ein Kaltblut, selbst bei gleichem BCS.

Die häufige Nichtbeachtung der Konstitution führt zu falschen Schlussfolgerungen. Ein sportlich trainiertes Vollblut kann sichtbare Rippen haben und dennoch in hervorragender Kondition sein. Ähnlich wie bei einem Ausdauerläufer wird kein „runder“ Körper erwartet – ein Übergewicht würde vielmehr die Leistung einschränken.

Das gleiche gilt für Springpferde. Höheres Körpergewicht belastet den Bewegungsapparat stärker und wirkt sich negativ auf die Biomechanik aus. Studien bestätigen, dass ein höherer BCS mit geringerer Leistungsfähigkeit und einem erhöhten Risiko orthopädischer Probleme verbunden ist.

„Heubauch“

Ein typisches Beispiel für Fehlinterpretationen ist der sogenannte „Heubauch“. Das Pferd zeigt einen deutlich vergrößerten Bauchumfang, während Rippen sichtbar bleiben und die Rückenlinie oft geschwächt ist. Dabei handelt es sich jedoch meist nicht um Adipositas.

Dieser Zustand steht im Zusammenhang mit:

  • hohem Volumen an Raufutter
  • geringerer Futterqualität
  • unzureichender Bauchmuskulatur

Der Verdauungstrakt des Pferdes enthält große Mengen an Ballaststoffen und Wasser, was zu einem „hängenden“ Bauch führen kann. Die Lösung besteht nicht in einer Reduktion der Energiezufuhr, sondern in der Verbesserung der Futterqualität und vor allem in geeigneter Arbeit, die die tiefe Rumpfmuskulatur aktiviert.

Überfütterung als häufigstes Problem der Gegenwart

Fachliteratur und Experten sind sich einig: Die Prävalenz von Übergewicht bei Pferden nimmt zu, insbesondere bei Freizeit- und Hobbypferden. Ein Energieüberschuss ohne entsprechenden Verbrauch führt zur Fetteinlagerung, oft ohne dass der Besitzer dies erkennt.

In der Praxis wird ein übergewichtiges Pferd häufig nicht als Problem wahrgenommen – im Gegenteil, es „sieht gut aus“. Ein schlankeres Pferd hingegen wird oft kritisch betrachtet. Diese Wahrnehmungsverschiebung ist problematisch.

Häufig hört man das Argument: „Er frisst gern.“ Der Appetit ist jedoch kein Regulator der richtigen Körperkondition. Pferde sind evolutionär an eine kontinuierliche Futteraufnahme angepasst, nicht an Einschränkung bei Futterüberfluss.

Gesundheitsfolgen von Adipositas

Adipositas steht in Zusammenhang mit verschiedenen Stoffwechselstörungen (Equines Metabolisches Syndrom – EMS, Insulin-Dysregulation). Diese Erkrankungen erhöhen das Risiko einer Hufrehe (Laminitis) erheblich.

Aus dieser Perspektive kann Übergewicht gefährlicher sein als eine leichte Unterkondition, die in der Regel einfacher und schneller korrigierbar ist.

Fazit

Die Beurteilung der Kondition eines Pferdes darf nicht auf einen einzelnen Eindruck reduziert werden. Es müssen Fettgewebe, Muskelmasse und genetische Veranlagung unterschieden werden.

Adipositas – die im nächsten Artikel behandelt wird – ist kein Zeichen guter Haltung, sondern ein potenzielles Gesundheitsproblem. Sichtbare Rippen bedeuten nicht automatisch Unterernährung, sondern spiegeln häufig den Typ und die Arbeitsbelastung des Pferdes wider.