Ing. Lucie Humeni
Kohlenhydrate bilden den dominanten Anteil der Ration beim Pferd, dennoch treten im Zusammenhang mit ihnen weiterhin Ungenauigkeiten auf. Die häufigste davon ist die Gleichsetzung des Begriffs „Zucker“ mit der gesamten Gruppe dieser Nährstoffe. Tatsächlich handelt es sich um eine wesentlich breitere Kategorie. Kohlenhydrate (oder Karbohydrate) umfassen sowohl schnell verfügbare Energiequellen als auch strukturelle Bestandteile des Futters mit unterschiedlichem Stoffwechsel und unterschiedlicher Bedeutung für die Gesundheit des Verdauungstrakts.
Kohlenhydrate und die genaue Begriffsabgrenzung
Aus biochemischer Sicht werden Kohlenhydrate nach der Komplexität ihrer Moleküle eingeteilt in:
Es ist entscheidend zu betonen, dass Zucker kein Synonym für Kohlenhydrate ist. Korrekt bezeichnet er lediglich die Monosaccharide.
Verdauung der einzelnen Fraktionen im Pferdeorganismus
Das Pferd ist ein typischer „Hindgut-Fermenter“, also ein Tier, das mikrobielle Fermentation im Dickdarm, insbesondere im Blinddarm, nutzt. Dies beeinflusst die Verwertung der einzelnen Kohlenhydrate grundlegend.
Verdauung im Magen und Dünndarm
Monosaccharide und Disaccharide werden nahezu vollständig bereits im Dünndarm absorbiert. Stärke wird dort enzymatisch zu Maltose und anschließend zu Glukose abgebaut, die in den Blutkreislauf gelangt. Die Kapazität dieses Prozesses ist jedoch begrenzt. Bei einer höheren Stärkezufuhr entgeht ein Teil der Verdauung und gelangt weiter in den Darmtrakt.
Dickdarm als Fermentationskammer
Ballaststoffe werden durch Mikroorganismen im Blinddarm und Grimmdarm fermentiert. Dabei entstehen flüchtige Fettsäuren, Gase und Wärme. Diese Fettsäuren stellen eine stabile und langfristige Energiequelle dar, die einen wesentlichen Anteil des Energiebedarfs deckt.
Problematisch wird es, wenn größere Mengen Stärke oder schnell fermentierbarer Zucker in den Blinddarm gelangen. Dies kann durch unausgewogene Rationen oder einmalige hohe Getreidegaben entstehen. In solchen Fällen kommt es zu einer raschen Fermentation, Milchsäurebildung und einem starken pH-Abfall im Darm. Dieser Prozess führt zu einer Dysbiose und kann Koliken, Durchfälle sowie systemische Entzündungsreaktionen auslösen (z. B. Schädigung empfindlicher Hufstrukturen und Entwicklung einer Hufrehe).
Funktionelle Bedeutung von Stärke und Zucker
Schnell verfügbare Kohlenhydrate sind insbesondere dann sinnvoll, wenn kurzfristig Energie zur Auffüllung von Muskelglykogen benötigt wird, etwa bei intensiver Leistung. Bei Sportpferden kann ein höherer Stärkeanteil die Glukoseverwertung während der Belastung verbessern, insbesondere bei anaerober Arbeit.
Ballaststoffe als Grundlage der physiologischen Ernährung
Aus evolutionärer Sicht ist das Pferd an eine hohe Aufnahme von Ballaststoffen angepasst. Mikroorganismen im Blinddarm ermöglichen die Nutzung struktureller Kohlenhydrate, die ansonsten unverdaulich wären. Ein ausreichender Faseranteil stabilisiert das Mikrobiom, sorgt für kontinuierliche Energieproduktion und reduziert Blutzuckerschwankungen. Aktuelle Ernährungstrends gehen daher in Richtung eines höheren Faseranteils bei gleichzeitiger Reduktion von Stärke.
Energiewert der Kohlenhydrate
Unterschiede im Energiegehalt:
Während Zucker und Stärke schnell verfügbare Energie liefern, ist die Energie aus Ballaststoffen langsamer, aber metabolisch stabiler. Fette stellen die konzentrierteste Energieform dar, was ihren Einsatz zur Reduktion von Stärkeanteilen in Rationen erklärt.
Kohlenhydratgehalt in Futtermitteln
Typische Stärke- und Zuckerquellen sind Getreidekörner:
Diese Rohstoffe enthalten hohe Mengen nicht-struktureller Kohlenhydrate und erhöhen die glykämische Antwort deutlich. Allerdings ist auch bei Luzerne oder Grasheu Vorsicht geboten, da deren Gehalt je nach Vegetationsstadium, Umweltbedingungen und Grasart variiert.
Futtermittel mit höherem Faseranteil:
Weizenkleie ist etwas umstritten. Sie enthält weniger Stärke als das ganze Korn, jedoch hängt der genaue Gehalt vom Ausmahlungsgrad ab – je stärker das Korn ausgemahlen ist, desto geringer ist der Stärkegehalt.
Fazit
Die Unterscheidung der einzelnen Kohlenhydratfraktionen ist entscheidend für die korrekte Gestaltung der Fütterung. Zucker und Stärke sind wichtig für Leistung, ihr Überschuss stellt jedoch ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar, insbesondere bei Pferden ohne hohe Belastung. Ballaststoffe bilden die Grundlage der Pferderation und fördern langfristige Gesundheit.
Quellen
(Originalquellen unverändert beibehalten – keine Übersetzung der Literaturangaben erforderlich, kann auf Wunsch separat angepasst werden.)